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Blog rules: Wöchentlich/ 14tägig erscheint ein neuer Post. Voraussichtlich montags zum Home Office. Es ist ein Experiment als Kunsthistorikerin zu bloggen, gepostet wird der aktuelle Beitrag im Großformat, vergangene Posts im Small Square Format. Welcome and feel free to comment.

Assassins Creed UNITY und die Kathedrale von Notre-Dame de Paris

Die Arbeit als Kunsthistoriker gestaltet sich vielseitig und ist einem ständigen Wandel unterlegen. Notre-Dame de Paris unterlag seit ihrem Baubeginn bis zur Fertigstellung im 19. Jahrhundert einem solchen Wandel. Sie wurde zum Wahrzeichen der Franzosen und Magneten für den Tourismus aber eben auch zum Highlight für den Geisteswissenschaftler. 

Das Faszinosum an den Reaktionen auf den Brand der gotischen Kathedrale Notre-Dame de Paris beruht auf der Tatsache, dass in diesem alles kumuliert was Betrachter, Reisende, Rezipienten und Spieler bisher unterbewusst wahrnahmen: ein kulturelles Bewusstsein, ein Gespür für die eigene europäische Historie. Ein Potpourri von Bildern, Beiträgen und Kommentaren sind über diverse Hashtags zu Notre-Dame de Paris zu finden. Sie alle eint das erwähnte Bedürfnis sein Interesse zu bekunden. Der Diskussionsbedarf um die Frage wie und wann ein Wiederaufbau stattfindet ist angerollt, die Finanzierung hingegen ist problemlos aber mit Potenzial für Dramatik.

Beispielsweise hinterfragt Patrick Seabrid, Wirtschaftsphilosoph, in seinem Blogbeitrag Notre Dame und der Welthunger u.a. was mehr Priorität hat: Die Ernährung der Welt oder die Erhaltung von kulturellen Errungenschaften?

Zum kulturhistorischen Aspekt muss die Darstellung von Notre-Dame auch innerhalb der Webcommunity berücksichtigt werden. Die Kathedrale ist im Grunde eine Stellvertreterin für zahlreiche Kulturgüter, deren Digitalisierung nicht nur im wissenschaftlichen Kontext stattfindet sondern durch die erfolgreiche Computerspielreihe Assassins Creed dem Schauspiel einer historischen Inszenierung ausgesetzt wird.

Wie hoch ist der Grad an Realismus innerhalb der Games? Kann Assassins Creed UNITY in der Tat Material zur Rekonstruktion der empfindlich zerstörten Kathedrale liefern? Als Ubisoft für knapp eine Woche die achte Ausgabe UNITY (2014) kostenlos zur Verfügung stellte, entwickelte sich daraus ein kollektives und verlängertes Osterwochenende. Zahlreiche Let’s Plays wurden eingefordert, „Mängel“ im Spiel dokumentiert, ironische Konnotationen zum Brand geliefert und mit Sarkasmus überlegt welche Ereignisse folgen müssten um die neueste Ausgabe ODYSEE kostenlos zur erhalten. Es ist obskur, dass ein Computerspiel der Realität gleichgesetzt wird. Diese Idee verläuft nach Felix Zimmermann im Sande: „If you do research on history in digital games, object authenticity will get you nowhere!“ Doch muss geklärt werden, welcher Grad an Digitalisierung kulturhistorischer Objekte für Bildung und Vermittlung essentiell ist. Was müssen und wollen Games also erreichen?

Im Interview mit Radio Bremen erklärte ich die Strategie des Spieleherstellers, die zum eine kluge PR-Aktion war, zum anderen die Chance nutzte den Entwicklungsaufwand zu verdeutlichen. Im Grunde muss das Detail Rede und Antwort stehen. Dafür fasziniert die Angabe von Ubisoft, dass Notre-Dame bis auf 5mm genau nachgebildet sein soll. Ein reizvoller Wert für die Spielästhetik, deren Gesamteindruck mehr ausmacht als die exakte Darstellung der Kathedrale. Unlängst hat die Assassins Creed Reihe bewiesen, dass der Faktor der Immersion eine nicht zu unterschätzende Methode ist.

Nicht uninteressant ist es eine Architektur im Spiel zu durchwandern, es bildet eine amüsante Möglichkeit Erfahrungswerte zu sammeln, die am Originalschauplatz untersagt sind. Diese Möglichkeit verlockt und gibt dem Spiel für die nächsten Jahre eine neu gewonnene Aufmerksamkeit, es bietet die Chance Grundlage neuer virtuelle Inszenierungen zu werden. Somit bleibt es spannend wie Notre-Dame und vielleicht auch Ubisoft auf die mehrjährige Schließung reagieren.

Real betrachtet bleibt das: „Der gotische Stil (…) ist das Endresultat des im romanischen Stile immer lebhafter hervortretenden Strebens nach dem vollkommenen Ausdruck der Einheit zwischen dem Ganzen und den Teilen, dem Inneren und dem Äußeren des kirchlichen Baus.“ (Günther Binding, 2000)